Verändert sich das Klima im Bistum?

Umfrage: Rechtspopulismus wird nicht überall wieder salonfähig

Politisches Klima (c) Garnet Manecke
Datum:
Mi. 16. März 2016
Von:
Garnet Manecke
Im oberbayrischen Zorneding ist ein Pfarrer mit dunkler Hautfarbe zurückgetreten, weil er Morddrohungen erhielt, in Aldenhoven wurde ein evangelischer Pfarrer angegriffen – beide setzen sich für Flüchtlinge ein.

Rechtspopulismus scheint wieder gesellschaftsfähig zu werden – auch im Bistum Aachen. Dabei ist der Nährboden in den Regionen unterschiedlich bereitet.

Bei der NPD-Kundgebung in Mönchengladbach am 1. Mai vergangenen Jahres sahen sich 150 NPD-Anhänger einer bunten Gegendemonstration gegenüber: Ein Bündnis von 2000 Menschen, darunter viele Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und Vereinen, trat für eine bunte und freie Gesellschaft ein. Auch bei der Demonstration von 130 Rechtspopulisten Ende Februar in Erkelenz waren die Gegendemonstranten in der großen Überzahl. Die 900 Frauen, Männer und Kinder, die gegen Hass, Gewalt und Terrorismus ein Zeichen setzten, wurden lautstark unterstützt. Pfarrer Werner Rombach ließ die Glocken von St. Lambertus läuten. Und zwei Tage vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt erfuhren in Gladbach 90 „besorgte“ Bürger, was 250 Gegendemonstranten von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsruck halten.

Benedikt Patzelt, Beauftragter für Jugendpastoral in den Regionen Mönchengladbach und Heinsberg, fällt auf, dass Jugendliche offensichtlich noch kein Bewusstsein dafür haben, was aus kleinen rechtspopulistischen Demonstrationen werden kann – trotz Geschichtsunterrichts. Zwar seien rund 400 Mädchen und Jungen der Jugendkirche in Mönchengladbach vergangenes Jahr gegen die NPD auf die Straße gegangen. „Aber heute ist nur ein einziger gekommen“, stellt er fest. „Tendenziell sind die Jugendlichen für ein offenes Deutschland und eine Willkommenskultur.“



Vorsicht mit politischen Äußerungen: „Das Klima wird gewalttätiger.“

An ihrem Arbeitsplatz kümmert sich Eva Vaßen, Leiterin der Jugendfreizeitstätte St. Michael Holt, auch um Kinder aus den Flüchtlingsquartieren rund um den Gladbacher Stadtteil Holt. Wenn Flüchtlingskinder in den Gruppen sind, stelle sie keine Ressentiments fest. „Aber wenn sie nicht dabei sind, fallen schon mal Bemerkungen wie ,Die mag ich nicht‘ oder ,Flüchtlingskinder werden bevorzugt‘“, berichtet sie. „Hinterfragt man das, gibt es dafür keine Begründungen.“ Mit politischen Äußerungen ist sie aber vorsichtig geworden: „Das Klima wird immer gewalttätiger.“

Peter Richter, ehrenamtlich Engagierter in der Mönchengladbacher Flüchtlingshilfe, berichtet sogar von einer verstärkten Unterstützung seit einem Jahr. Negative, hetzerische Kommentare oder gar Drohungen habe er nicht erfahren. Im Gegenteil: „Wir haben noch nie so viele Spenden bekommen wie im letzten Jahr“, sagt er. Allerdings stellt er fest, dass es in den Flüchtlingsunterkünften zuweilen zu Auseinandersetzungen kommt. „So was fällt dann natürlich auf alle zurück“, sagt er.

 


Große Unterstützung hier, latente Bedrohung dort

Da klingen die Erfahrungen von Peter Schongen, Referent im Büro der Regionaldekane für Düren und Eifel, bedrohlicher. „In der Eifel gibt es eine rechte Szene, von der sich Ehrenamtler schon bedroht fühlen“, sagt er. So stehe regelmäßig ein Pick-up vor dem Haus einer Ehrenamtlerin. Das Kennzeichen weise die Zahlenkombination 88 auf, die für zwei mal den achten Buchstaben im Alphabet steht, das H. In der rechten Szene steht das Kürzel für den Hitler-Gruß.

Es sei eine latente Bedrohung, der sich die Ehrenamtlichen ausgesetzt sähen, sagt Schongen. Auch defekte Reifen an Fahrzeugen seien schon vorgekommen. „Aber nichts kann wirklich strafrechtlich verfolgt werden“, sagt er. Während Peter Richter in Mönchengladbach sich über die gewachsene Spendenbereitschaft freut, stellt Schongen fest, dass es in der Eifel oft schwierig ist, Projekte in der Flüchtlingsarbeit zu finanzieren.

„Ganz viele Menschen engagieren sich auch in der Eifel ehrenamtlich für Flüchtlinge“, betont Schongen. Sie sähen sich häufig mit Vorwürfen konfrontiert. „Die Flüchtlinge bekommen alles hinterher geschmissen, und wir gehen leer aus“, sei ein Vorwurf. „Diese Vorbehalte waren latent schon immer da, aber mit der AFD brechen sie offen aus“, stellt Schongen fest. „Nach dem Motto: ,Wir wollen endlich mal sagen, was wir denken‘.“

Wilfried Cüsters, Referent für kirchliche Jugendarbeit im Generalvikariat, stellt fest, dass solche Diskussionen immer wieder aufkommen. „Das Thema liegt bei den Jugendlichen auf dem Tisch“, sagt er. Es sei ein Spannungsfeld zwischen dem Bewusstsein der christlichen Verantwortung, zu helfen, und der Frage, wo Hilfe ihre Grenzen habe. Besonders bei benachteiligten Jugendlichen komme das Gefühl hoch, abgehängt zu werden. Verstärkt würde das in den Fällen, in denen Räume als Flüchtlingsunterkünfte genutzt würden, die vorher den Jugendlichen zur Verfügung standen. Dann wird gefragt: „Wer kümmert sich eigentlich um uns?“